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Klinische Studien für Patienten mit Neuroendokrinen Tumoren (NeT)

Medizinische Entscheidungen, die Patienten zusammen mit dem Hausarzt und den Fachärzten treffen, beruhen auf wissenschaftlichen Erkenntnissen, aber auch auf gesammelten und überlieferten Erfahrungen (Erfahrungswissenschaft, Empirie).

Zum Beispiel erfährt fast jeder im Laufe seines Lebens, dass Zahnschmerzen sich durch eine Zahnbehandlung beheben lassen und nicht von alleine verschwinden (außer wenn irgendwann der Nerv des Zahnes abstirbt). Eine vergleichende wissenschaftliche Untersuchung, die eine Zahnbehandlung mit Abwarten vergleicht, wäre somit sinnlos. Das gleiche gilt für eine Blinddarmentzündung, die nur durch eine Operation behandelt werden kann. Es ist durch die Überlieferung bekannt, dass vor der Entwicklung der operativen Blinddarmentfernung die Blinddarmentzündung meist tödlich verlief, so dass eine vergleichende Untersuchung ethisch nicht vertretbar wäre.

Viele medizinische Entscheidungen beruhen so zu gutem Recht auf dieser Erfahrungswissenschaft, allerdings können diese empirisch gewonnenen Entscheidungen auch in die Irre führen, hierfür gibt es zahlreiche Beispiele.

Daher bemüht man sich, neue Verfahren in der Erkenntnis (Diagnose) und Behandlung (Therapie) von Erkrankungen auf ihren Nutzen hin wissenschaftlich zu untersuchen. Zu diesem Zweck werden klinische Studien durchgeführt, das heißt neue Verfahren werden wirklichkeitsnah getestet.

Studiendesign

Die Art der klinischen Studien wird als Studiendesign bezeichnet. Folgende Begriffe werden verwendet:

  • Prospektiv: vorausschauend, Patienten werden nach dem Einschluss in eine Studie zukünftig beobachtet, zum Beispiel was passiert, wenn der Patient das Medikament X einnimmt?
  • Retrospektiv: rückblickend, Patienten werden nach der Erfassung rückblickend analysiert, zum Beispiel welche Belastungen vor der Entwicklung einer Krebserkrankung vorlagen.
  • Kontrolliert: Es existiert eine Kontrollgruppe als Vergleich, zum Beispiel ein bereits getestetes Diagnose- oder Therapieverfahren.
  • Placebo-kontrolliert: Im Vergleich zum Wirkstoff wird ein Medikament verabreicht, das ein Scheinmedikament ist und sich äußerlich nicht vom Wirkstoff unterscheidet.
  • Doppel-blind: Patient und Arzt wissen nicht, ob der Patient das Medikament oder ein Placebo erhält.
  • Randomisiert: Ein Zufallsprinzip entscheidet über die Zuordnung zu einer Therapie.
  • Cross-over: Scheinbehandlung und Testbehandlung können nach bestimmten Kriterien, die in der Studie festgelegt sind, ausgetauscht werden.
  • Monozentrisch: Die klinische Studie wird nur in einer Einrichtung durchgeführt.
  • Multizentrisch: Die klinische Studie wird in mehreren Zentren durchgeführt.
  • Aktiv kontrolliert: Zwei verschiedene Therapieverfahren werden miteinander verglichen.
  • Kohortenstudie: Beobachtung einer definierten Gruppe.
  • Case-Control-Studie (Matching): Einer zu analysierenden Gruppe wird eine entsprechende Kontrollgruppe zugeordnet mit ähnlichen demographischen Eigenschaften, um äußere Einflüsse möglichst zu minimieren.

Welche Art der klinischen Studien durchgeführt werden, hängt von der Fragestellung und den Umständen ab, zum Beispiel, ob die Erkrankung häufig ist oder eher selten. Als aussagekräftigste Studie gilt die prospektive, randomisierte placebo-kontrollierte, doppel-blinde klinische Studie. Das heißt, die Patienten erhalten nach dem Zufallsprinzip ein Medikament oder ein davon nicht unterscheidbares Scheinmedikament, wobei weder der Patient noch der Prüfarzt wissen, wer das Medikament oder das Scheinmedikament erhält. Die Patienten werden am Anfang der Studie erfasst und der Verlauf der Erkrankung wird unter dem Medikament/Scheinmedikament verfolgt. Erst nach Beendigung der Studie wird „entblindet“, also aufgelöst, welcher Patient das Medikament oder das Scheinmedikament erhalten hat. Auf diese Weise werden viele Medikamente getestet. Bei Krebserkrankungen ist es jedoch häufig nicht möglich, eine placebo-kontrollierte Studie durchzuführen, sondern es werden zwei Therapieverfahren miteinander verglichen, da es ethisch nicht vertretbar wäre, ein Scheinmedikament zu verabreichen.

 

Phasen einer klinischen Studie

Klinische Studien zur Prüfung von Arzneimitteln gliedern sich in verschiedene Phasen. In der Phase I und II werden die Verträglichkeit und die Dosis überprüft. In der wichtigen Phase III soll der Wirkungsnachweis geführt werden. Phase-III-Studien werden für die Zulassung eines Medikaments für eine Erkrankung benötigt und sind daher oft groß angelegte prospektive kontrollierte Studien. Phase-IV-Studien sind Beobachtungsstudien (bereits nach Zulassung eines Medikamentes), um seltene Nebenwirkungen zu erfassen.

 

Klinische Studien für Patienten mit neuroendokrinen Tumoren

Wie sieht die Studienlage bei Patienten mit neuroendokrinen Tumoren aus? Leider sehr schlecht im Vergleich zu anderen Erkrankungen. Für die meisten angewendeten Diagnostik- und Therapieverfahren existieren nur unzureichende klinische Studien. Dies ist sicherlich durch die Seltenheit der Erkrankung bedingt und auch durch die geringe Zahl von Medikamenten, die für die Behandlung von Patienten mit neuroendokrinen Tumoren zugelassen sind. Vielfach gibt es nur retrospektive und nicht-kontrollierte Studien.

Mit dem Aufkommen neuer Wirkstoffe in der Krebstherapie wurden allerdings in letzter Zeit mehrere Phase-III-Studien initiiert. Zusätzlich verbessert die Bildung von Zentren für die Behandlung von Patienten mit neuroendokrinen Tumoren und das deutsche Register für neuroendokrine Tumore die Bedingungen, um die dringlich notwendigen klinischen Studien für NET-Patienten durchzuführen. Durch diese Maßnahmen werden sich die Diagnose- und Therapieverfahren dieser Erkrankung in Zukunft wesentlich verbessern.

Aufgrund der Pflicht, klinische Studien zentral anzumelden, können sich interessierte Ärzte und Patienten über die national und international durchgeführten klinischen Studien für ihre Erkrankung informieren, denn oft sind klinische Studien die einzige Möglichkeit, neue und innovative Medikamente zu erhalten (die allerdings dafür noch nicht auf ihre Wirksamkeit getestet wurden). Die Studien können (teilweise) im Internet unter: http://www.med.uni-marburg.de/stpg/ukm/lb/gastroendokrinol/studsek/studstudien.htm ; http://www.charite.de/hges/php/content.php?top=02&sub=07#06 und http://www.novartis.de/klinische_studien/karzinoid/crad001c2325.shtml?highLightLeft=211 eingesehen werden.  Weitere Information über klinische (Arzneimittel-) Studien erhalten Sie auch unter: http://www.vfa.de/de/patienten/studienteilnahme/klinische-studien-01.html

Im folgenden wollen wir einige zur Zeit laufende oder geplante Studien für Patienten mit neuroendokrine Tumoren darstellen.

Die ENET-1-Studie vergleicht Somatostatin-Analoga mit einer Chemotherapie bei neuroendokrinen Tumoren der Lunge und der Bauchspeicheldrüse. Es handelt sich um eine randomisierte, prospektive Mutizenterstudie, die in Berlin und Marburg durchgeführt wird (Internetadresse Berlin: http://www.charite.de/hges/php/content.php?top=04&sub=09).

Die PROMID-Studie vergleicht die Wirkung von Sandostatin gegenüber Placebo bei Patienten mit einem NET des Mitteldarms (Dünndarm und Anfang des Dickdarms). Es handelt sich um eine prospektive, randomisierte, placebo-kontrollierte Studie, die in Marburg und einigen anderen Studienzentren durchgeführt wird (Internetadresse Marburg:   http://www.med.uni-marburg.de/stpg/ukm/lb/gastroendokrinol/studsek/studstudien.htm).

Die RADIANT-2-Studie untersucht die Wirkung eines neuen Medikaments, einem mTOR Inhibitor mit dem Namen RAD001, das bereits für die Behandlung der Abstoßung bei Transplantationen zugelassen ist, auf das Wachstum von neuroendokrinen Tumoren des Mitteldarms. Es handelt sich um eine prospektive, randomisierte, placebo-kontrollierte prospektive Phase-III-Studie. Zusätzlich wird während der Studie Sandostatin verabreicht. Für die Patienten, die anfangs ein Scheinmedikament erhielten, wird nach der eigentlichen Studie eine weitere Studie angeboten, bei der das Wirkmedikament kostenlos für die Dauer der Nachfolgestudie erhalten wird. Dadurch erhalten Patienten, die sich bereit erklären, in die RADIANT-2 Studie eingeschlossen zu werden, auf jeden Fall das Wirkmedikament, auch wenn sie am Anfang das Scheinmedikament erhalten haben. Studienorte sind Berlin, Halle, Hamburg, Bad Berka und München.

Eine weitere Studie, die den komplizierten Namen A6181111 trägt, untersucht die Wirksamkeit des Medikamentes Sunitinib (Sutent®) bei pankreatischen neuroendokrinen Tumoren. Auch diese Studie ist eine prospektive, randomisierte, placebo-kontrollierte prospektive Phase-III-Studie mit einer Nachfolgestudie für die Patienten, die Placebo erhalten haben. Studienorte sind: Ulm, Heidelberg, Berlin, Bad Berka und Lübeck.

Die RADIANT-3-Studie untersucht das gleiche Medikament (RAD001,) bei neuroendokrinen Tumoren der Bauchspeicheldrüse und hat ein ähnliches Studiendesign wie die RADIANT-2-Studie. Sie startet wahrscheinlich Anfang 2008 und wird in Bad Berka, Marburg, Berlin, Mainz und München durchgeführt.

Ab dem ersten Quartal 2008 wird in Bad Berka die BEST-THERAPY-NET-Studie gestartet. Hierbei handelt es sich um eine prospektive Beobachtungsstudie, die Radiorezeptortherapie und Chirurgie oder lokale Therapieverfahren wie Radiofrequenzablation, Chemoembolisation oder ähnliche Verfahren miteinander vergleicht. Bei dieser Studie entscheiden die behandelnden Ärzte zusammen mit den Patienten, welche Behandlung durchgeführt wird. Die Patienten werden nach der Behandlung nachbeobachtet mit besonderer Berücksichtigung der Lebensqualität und der Aufenthaltsdauer im Krankenhaus, da dies für die Patienten in einer Situation, in der der NET nicht komplett entfernt werden konnte, von entscheidender Wichtigkeit ist. Eingeschlossen werden alle Patienten, die sich ab 2008 einer der oben genannten Therapien unterziehen. Ein Vergleich zwischen den Behandlungsgruppen soll durch gematchte Kontrollen (Case-control Studie) ermöglich werden. Der Einschluss weiterer Studienzentren ist vorgesehen.

Die NET 726 Studie vergleicht die Wirkung von Somatuline Autogel gegenüber Placebo bei Patienten mit nicht-funktionellen pankreatischen neuroendokrinen Tumoren. Es handelt sich um eine internationale doppelblinde, multizentrische Studie, die auch in  Deutschland an verschiedenen Zentren durchgeführt wird. Leiter der klinischen Prüfung ist Prof. B. Wiedenmann, Charite, Berlin. Dazu wird Somatuline 120 mg alle 28 Tage verabreichet, um zu sehen, ob sich der progessionsfreien Zeitraum mit dieser Therapie verbessert. Zudem wird der Effekt von Somatuline auf die Qualität des Lebens (QoL) erfasst.

Weiter Infos finden Sie auf folgende Webseite: www.charite.de/stoffwechsel/content.php?top=03&sub=02#4 

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